Podiumsdiskussion
Griechenlands
verlorene Generation
Die wütenden Demonstrationen in einem hal-
ben Dutzend griechischer Städte sind nicht
einfach die Fortsetzung der Protestrituale
eines harten Kerns selbst ernannter Anar-
chisten, die seit einigen Jahren in Athen und
Thessaloniki auch ohne besonderen Anlass
auf die Straße gingen. Die große Beteiligung
von “normalen” Jugendlichen, wie beim Streik
an den Schulen, zeigt vielmehr, dass die grie-
chische Gesellschaft eine ganze Generation
zu verlieren droht. Die Arbeitslosigkeit unter
Hochschulabsolventen ist die höchste aller
EU-Mitgliedsländer. Und wer nach dem Ex-
amen einen Job ergattert, wird so schlecht
bezahlt, dass er oder sie noch viele Jahre von
den Eltern abhängig bleibt. Doch auch die
Subventionskraft der Familie nimmt bestän-
dig ab. Und die aufgestaute Rentenkrise, an
der sich keine Regierungen die Finger
verbrennen wollte, wird in den nächsten zehn
Jahren den “Generationenvertrag” noch stär-
ker strapazieren als in den reicheren EU-
Ländern. Aus dieser Sicht sind die Demonst-
rationen (…) auch die Fortsetzung eines Ju-
gendprotests, der sich seit Jahren an den
geplanten Bildungsreformen entzündet.
Niels Kadritzke, „taz“, 09.12.08


